Über Leitkultur und Multikulti

Am 09.11.2016, einen Tag nach der Wahl in den USA, erschien dieser Tweet auf dem offiziellen Twitter-Account Kanadas.

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Die offizielle Webseite Kanadas erklärt die Philosophie des Landes: „In 1971, Canada was the first country in the world to adopt multiculturalism as an official policy. By so doing, Canada affirmed the value and dignity of all Canadian citizens regardless of their racial or ethnic origins, their language, or their religious affiliation.” Beides dokumentiert ein neues Verständnis von Gemeinsamkeit und staatlicher Identität.

Die einfachste Erklärung für eine gemeinsame Identität ist ein hohes Maß an Gleichartigkeit. Sprache, Religion, Kultur, Bildung, Abstammung: je größer die Übereinstimmungen, desto wahrscheinlicher ist das Gemeinschaftsgefühl. Wenn man dieser Annahme folgt, bedeutet Integration die mehr oder weniger schnelle und möglichst vollständige Übernahme der Kultur des Aufnahmelandes. Dieses Konzept liegt den meisten Forderungen nach Integration zugrunde. Integration wird zur einseitigen Assimilation.

Kanada geht einen anderen Weg. Die Forderung, einige wenige, aber zentrale und nicht verhandelbare Grundwerte zu respektieren, ist unübersehbar. Jeder Zuwanderer durchläuft einen klar definierten Prozess. Daneben aber steht die Einladung (nicht die Verpflichtung), die eigene Kultur einzubringen und zu bewahren, aber auch aktiv zu teilen. Damit ist die Chance verbunden, dass beide Seiten im Zusammenleben immer wieder Neues entwickeln. Es entsteht ein Geben und Nehmen, ohne Leitkultur und staatlich gewollter Dominanz einer Gruppe. Die kanadische Kultur definiert sich als Alles, was in Kanada gelebt wird. Das Ergebnis ist eine kulturelle Vielfalt mit zwei Landessprachen und von einzelnen Gruppen geprägten Stadtteilen und Siedlungen, die es schaffen, sich sowohl als chinesisch, native American oder portugiesisch etc., als auch als ein Teil Kanadas zu verstehen. Menschen, die ihre Identitäten pflegen und entwickeln können, sind stolz darauf, das in Kanada zu tun. Kanada ist damit zur Heimat geworden. Das ist die übergeordnete Klammer, die den unterschiedlichsten Gruppen die Identifikation mit ihrem Land möglich macht.

Das Konzept setzt also auf Diversifizierung, nicht auf Angleichung und keinesfalls auf Assimilation. Es gibt keine Unterscheidung zwischen Gruppen, die Kanada nahestehen und solchen, die kulturell ferner sind. Wer zum Gemeinwesen beiträgt, indem er seinen Lebensmittelpunkt in Kanada einrichtet, sich mit der Umgebung arrangiert und sein Leben nach seinen eigenen Maßstäben lebt, ist willkommen. Eine Differenzierung nach mehr oder weniger passend wäre schon deshalb aussichtslos, weil frankophone Landesteile im Osten, anglophone im Westen und diverse Gruppen von Ureinwohnern als Staatsvolk auch ohne die anderen Zuwanderergruppen kaum auf einen gemeinsamen Maßstab zu bringen sind. Der Begriff „Leitkultur“ ist in diesem Kontext unbrauchbar und würde das weitgehend friedliche Zusammenleben als leitenden Konsens zerstören.

Das deutsche Denken scheint dagegen um eine deutsche Identität zu kreisen. Christlich, abendländisch, deutschsprachig. Sich auf Rasse und Herkunft zu beziehen ist dagegen aus der Mode gekommen. Da Menschen aus anderen Weltgegenden und anderen Kulturen auch etwas anders aussehen, sind diese Kriterien kaum erforderlich. Die Welt wird in Abständen zu einer fiktiven deutschen Identität vermessen. Sie ist fiktiv, weil sie niemals konkret beschrieben wird. Wären chinesische Christen und New Yorker Juden willkommener als syrische Moslems, Polen aus Danzig kulturell näher als eine Gruppe Südfranzosen?

Während der erste hessische Ministerpräsident nach dem Krieg, Georg-August Zinn, schlicht erklärte, Hesse sei, wer Hesse sein wolle, erntet Ministerpräsident Bouffier die Kritik der FAZ für den Rückgriff auf das Zitat seines Vorvorgängers angesichts der Integration von Flüchtlingen. Trotz Konflikten: „Sprache, Kultur, religiöse Prägung und politische Erfahrungen teilten alle miteinander. Unter diesen Voraussetzungen konnten die Barrieren zwischen Alteingesessenen und Neubürgern ziemlich schnell überwunden werden“ (FAZ, 03.12.2016, Seite 37). Nur war seinerzeit ein beachtlicher Teil der Deutschen sehr lange anderer Meinung. Betont wurden die Unterschiede, die Vertriebenen waren die ersten Underdogs und Kanaken der neuen Republik. Später ging der schwarze Peter auf die katholischen Itacker, etwas später auf die mohammedanischen Türken und Marokkaner über.

Bei all diesen Gruppen ist inzwischen kaum noch von kollektiven Integrationsproblemen die Rede. Die Unterschiede sind statistisch noch messbar (Bildung, Arbeitsmarktintegration), aber sie verschwinden. Die Republik ist nicht untergegangen. Im Gegenteil. Ohne die Arbeitsmigration ab 1955 gäbe es mindestens 20 % weniger deutsche (!) Bevölkerung, das Land wäre mit demografischen Problemen und einer extrem ungünstigen Alterspyramide geschlagen, gegen die die Konflikte und Folgeprobleme der Zuwanderung einfach nur lächerlich klein erscheinen. Exportnation Deutschland mit 20 % weniger Bevölkerung?

Aber bei der Integration der Flüchtlinge ist alles anders. Jetzt haben wir es endgültig mit kulturell und religiös fremden Gruppen zu tun, die nicht zu Deutschland passen oder sich auch gar nicht integrieren wollen oder können. Diesmal ist alles anders. Schon wieder kommen die Falschen, die Deutschland gar nicht haben will.

Natürlich brauchen wir Zuwanderung, aber die muss selektiv und am Arbeitsmarkt orientiert erfolgen, lautet das Argument. Leider wollen nicht so viele ausgewiesene Fachkräfte nach Deutschland einwandern, wie angesichts der demografischen Entwicklung gebraucht würden. Es ist schlicht unmöglich, die Lücken durch bedarfsorientierte Einzelfallentscheidungen zu füllen. Wenn es gelänge, die ersehnten indischen, chinesischen oder sonstigen Fachkräfte in größeren Gruppen nach Deutschland zu locken – wie lange würde es dauern bis jemand auffällt, dass eine größere hinduistische Gruppe einfach nicht in eine deutsche Stadt passt? Bis gegen den ersten Tempelbau welcher Gruppe auch immer demonstriert würde?

Die Weltgeschichte hat auf das deutsche Empfinden wieder einmal keine Rücksicht genommen und kulturell bunte, überwiegend islamische Gruppen nach Deutschland gespült. Demografisch hätte es kaum besser passen können. Die Zuwanderungswelle 2015 hat das demografische Profil verjüngt. Sonst gibt es jede Menge Probleme und Ängste. Es wird nicht leicht werden, einen Weg für ein gedeihliches Zusammenleben zu finden. Aber der Blick rückwärts in die Geschichte zeigt nur eins: immer wieder neue Wellen der Zu- und Abwanderung. Im 19. Jahrhundert flohen Deutsche vor der Armut nach Amerika. Jetzt fliehen Menschen vor Krieg, Verfolgung und Armut nach Deutschland.

Es gibt die kanadische Sichtweise der gemeinsamen Evolution oder die Zentrierung auf eine nicht näher definierte deutsche Identität, die als Leitkultur geschützt werden soll. Der Feind deutscher Kultur steht draußen vor der globalen Haustür. Die Wanderungsströme sind schneller, größer und internationaler geworden. Nichts deutet darauf hin, dass der Zuwanderungsdruck abnimmt. Deutschland braucht nicht nur Zuwanderung von ein paar gesuchten Fachkräften. Es geht um ein paar Millionen, die bald auf dem Arbeitsmarkt fehlen werden. Die Wunschkandidaten, die sich nahtlos in die deutsche Lebenswelt integrieren, gibt es nicht. Dafür gibt es Millionen, die gerne nach Deutschland kommen würden.

Also bleiben nur zwei Wege:

  1. Deutschland arrangiert sich mit der Arbeitsmigration innerhalb der EU und einer sehr selektiven internationalen Zuwanderung. Der Preis wäre eine Abschottung deutscher und europäischer Grenzen ohne Rücksicht auf humanitäre Gesichtspunkte und Krisen. Das könnte zu einer hohen innereuropäischen Zuwanderung führen, die die abgebenden Länder schwächt. Möglich ist aber auch, dass Deutschland seine demografischen Lücken nicht einmal ansatzweise schließen könnte, weil die Europäer lieber zu Hause bleiben. Dann hätten wir ein ernstes demografisches Problem, mit allen wirtschaftlichen Folgen.
  2. Deutschland akzeptiert eine hohe internationale Zuwanderungsrate neben der europäischen Binnenmigration und versucht, die Ströme halbwegs zu steuern und neue Gruppen über den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das würde das demografische Problem lösen oder wenigstens erheblich reduzieren. Aber mit der Vorstellung einer deutschen Leitkultur, deren Status Quo vom Staat zu erhalten und zu schützen ist, kann das nur schiefgehen. Mit etwas mehr kanadischem Denken könnte Deutschland diesen Weg gehen und die unvermeidlichen Konflikte aushalten.

Die Alternativen heißen: Zuwanderung der einen oder anderen Art oder schrumpfen und altern. Dabei ist es im Prinzip zweitrangig, woher die Zuwanderung kommt. Jede Zuwanderung hat Konfliktpotenzial, solange man sich auf die Unterschiede konzentriert.

Die dritte Alternative wäre eine in etwa bestandserhaltende Geburtenrate. Leider wirkt das erst in frühestens 30 Jahren. Außerdem weiß niemand, wie man das Volk dazu überreden könnte, erheblich mehr Kinder zu bekommen. Die dritte Alternative ist keine.

Ob mit oder ohne internationaler Zuwanderung: Deutschland wird sich verändern.

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